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Mit fast übersinnlichen Fähigkeiten durch die Dunkelheit: Das ehemalige Schieferbergwerk Hörre beherbergt eines der bedeutendsten Fledermausquartiere in Nordrhein-Westfalen.

Hörre (Ralf Kubosch)
Hörre (Ralf Kubosch)

Ultraschall statt schallende Hämmer - Wo ehemals Schiefer gefördert wurde, gleiten heute lautlos Fledermäuse durch die Nacht

An den Hängen oberhalb der Eder, die sich gemächlich bei Raumland durch das Wittgensteiner Land schlängelt, befindet sich die ehemalige Schiefergrube Hörre. Sie gehörte einst, gemeinsam mit elf weiteren Gruben, zum Raumländer Bergbaurevier, das sich über das heutige Stadtgebiet von Bad Berleburg erstreckte. Der hier vorkommende Schiefer wurde im 16. Jahrhundert zum ersten Mal urkundlich erwähnt und bis ins 20. Jahrhundert abgebaut. Da die Konkurrenz durch billigeren, ausländischen Schiefer und neue Materialien zu groß wurde, fuhren schließlich in den 1950er Jahren zum letzten Mal Grubenwagen in die Hörre ein. Heute erinnern die Halden mit dem Grubenabraum an den einst bedeutenden Industriezweig und die etwa fünf Kilometer langen Stollensysteme dienen seltenen Fledermausarten als wichtiges Quartier.

Seit gut 30 Jahren erforschen der NABU-Arbeitskreis Fledermausschutz und die Biologische Station Siegen-Wittgenstein das rege Treiben der nächtlichen Flugkünstler im und um den Stollen und wie in allen Lebensbereichen hat auch hier der technische Fortschritt Einzug gehalten: Ultraschall-Aufnahmegeräten machen die Lautäußerungen der Fledermäuse für Menschen hörbar und Lichtschranken registrieren ein- und ausfliegende Tiere. So konnten bis heute von den 17 im Kreisgebiet nachgewiesenen Fledermausarten (ca. 24 kommen in ganz Deutschland vor) zehn im Gebiet Hörre festgestellt werden. Sie nutzen unterschiedliche Lebensräume und treffen sich in großer Zahl nach der Jungenaufzucht an der Grube, um an einer riesigen Partnerbörse teilzunehmen und später vielleicht sogar im Stollen zu überwintern. Experten bezeichnen dieses Verhalten als Schwärmen. An ihm beteiligen sich Zwerge und Giganten: Unter Zwergfledermäuse, Kleine und Große Bartfledermäuse, die bisweilen nur vier Gramm wiegen, mischen sich imposante Große Mausohren mit einer Flügelspannweite von rund vierzig Zentimetern. Dazwischen finden sich mittelgroße Arten wie Wasser-, Fransen- und Bechsteinfledermäuse. Letztere haben auffallend große Ohren, die nur noch von denen des Braunen Langohrs übertroffen werden. Mit diesen sind sie in der Lage, ihre Beute auf das Genaueste zu orten, so dass sie Insekten im dichten Blätterdach regelrecht abgrasen können. 

Ein weiterer geschickter Jäger der Nacht hat sich ebenfalls im Grubengelände angesiedelt: der Uhu. Wenn sein namensgebender Ruf im Frühjahr aus dem Grubengelände zu vernehmen ist, müssen sich sogar die wendigen Fledermäuse in Acht nehmen, denn er verschmäht kaum eine Beute.

Aber auch bei Tage kann man an der Hörre interessante Entdeckungen machen. Während der Bluthänfling mit knallroter Brust von den Baumspitzen singt, sonnt sich unter ihm auf den Schieferhalden die seltene und ungiftige Schlingnatter auf den warmen Gesteinsplatten. An den trocken-warmen Extremstandorten haben sich außerdem besondere Pflanzen angesiedelt. Auffällig sind die dichten, gelb- bis orangefarbigen Blüten des Gemeinen Wundklees am Wegesrand und auf dem Schieferschutt. Er blüht von Juni bis September, zeitgleich mit der ebenfalls gelben Blüte der Zierlichen Felsen-Fetthenne, die für karge Zeiten Wasser in ihren fleischigen Blättern speichert. Neben ihr fühlt sich auch der Schmalblättrige Hohlzahn wohl, dessen lila Lippenblüten im Hochsommer die Halden schmücken. Etwas länger kann man an wenigen Stellen entlang der Wege die markanten Blütenstände der Golddistel bewundern, die in vertrocknetem Zustand z.T. bis ins nächste Frühjahr an der Pflanze verbleiben. Sie liebt, genau wie der Schmalblättrige Hohlzahn, leicht kalkhaltigen Untergrund, der im Kreis Siegen-Wittgenstein sehr selten zu finden ist.

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